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ANgesicht Magazin

MAN MUSS EINFACH MACHEN

Als Lukas Grömer auf Leutershausen zufährt, sieht er den Wagen schon von weitem. Und er wundert sich. „Das Auto stand komisch am Straßen rand. Ich dachte, so parkt niemand. Da stimmt was nicht“, sagt Grömer. Schon von Berufs wegen hat er einen Blick dafür. Lukas Grömer ist Polizeihauptmeister in der Ansbacher Inspektion und am 17. Juli 2025 auf dem Weg zur Arbeit.

Als er näher kommt, sieht er einen jungen Mann aufgeregt um das Auto laufen. Er fragt ihn, was passiert sei. Antwort:

„DER PAPA ATMET NICHT MEHR.“

Menschen reagieren sehr unterschiedlich in so einer Situation. Manche verfallen in eine Schockstarre, weil sie nicht wissen, was zu tun ist. Oder Angst haben, Fehler zu begehen.

Bei Lukas Grömer ist das genau umgekehrt. Als Streifenführer findet er sich häufiger in Extremsituationen wieder. Und schaltet dann innerlich um. Er funktioniert dann wie automatisch. Auch auf dieser Landstraße vor Leutershausen, an der ein Mensch nicht mehr atmet.

Lukas Grömer läuft zum Fahrer und ertastet nur noch einen sehr schwachen Puls. Er zieht ihn aus dem Wagen und legt den erschlafften Körper auf den Asphalt. Für eine Wiederbelebung braucht es eine harte Unterlage. Sofort beginnt er mit der Reanimation.

Beide Hände flach übereinander leicht links auf dem Brustkorb im senkrechten Winkel kräftig nach unten drückend – und das alles in einer hohen Frequenz. Schon nach kurzer Zeit wird dieses Manöver sehr anstrengend.

Doch Lukas Grömer spürt die Anstrengung nicht. Er funktioniert. Über den Sprachassistenten seines Handys wählt er den Notruf und informiert die Rettungskräfte über den exakten Einsatzort. Er weist einen anderen Autofahrer an, die Straße abzusperren. Und verlangt nach einer Decke.

Weil eine korrekt ausgeführte Reanimation kein schöner Anblick ist, bittet er einen weiteren Verkehrsteilnehmer, mit dem Sohn auf die andere Seite des Autos zu gehen. Das alles, während er weiter versucht, das Herz wieder in Gang zu bringen.

„MAN MUSS EINFACH MACHEN“,

sagt Lukas Grömer. Zum gleichen Zeitpunkt geht in der ADAC-Luftrettungsstation am Flugplatz Dinkelsbühl die Alarmmeldung ein. Zur Besatzung des Rettungshubschraubers Christoph 65 gehört an diesem Tag Dr. Thomas Maiwald.

Er ist Oberarzt der Anästhesie am ANregiomed Klinikum Ansbach und rückt seit 2016 auch als Notarzt aus.

Der dreiköpfigen Crew wird die Einsatzstelle auf einem großen Flachbildschirm als Satellitenbild angezeigt. Kleine Landstraße, von Feldern umgeben – erstmal unproblematisch. Sie schlüpfen schnell in ihre dafür konzipierten Stiefel, streifen den Helm über und sind 90 Sekunden nach der Alarmierung in der Luft. Der Kurs nach Leutershausen geht direkt nach Norden, Flugzeit: acht Minuten.

Diese Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte kommt den allermeisten Menschen ewig vor. Nicht so Lukas Grömer. Er ist derart beschäftigt, dass er überrascht ist, als er den Hubschrauber hört.

 

Schon bei der Landung registriert Dr. Thomas Maiwald Außergewöhnliches. Denn die Person am Patienten unterbricht trotz des Lärms und des Abwindes vom Hubschrauber die Reanimation nicht.

LUKAS GRÖMER MACHT EINFACH WEITER, SO WIE ES IM LEHRBUCH STEHT.

Auch deswegen bindet Dr. Maiwald ihn in die weiteren Rettungsmaßnahmen ein. Doch trotz aller Bemühungen kommt der Kreislauf nicht in Gang. "Nach mehr als 30 Minuten stellt sich die Frage, ob wir den Patienten noch reanimiert bekommen.

„Da muss man realistisch sein“, sagt Dr. Maiwald. „Aber es handelte sich um einen jungen Mann. Der kann die Kraft haben, noch einmal zurückzukommen. Also haben wir unvermindert weitergemacht.“

Thomas Gruber kann sich an den 17. Juli 2025 nicht erinnern. Nicht an Lukas Grömer, nicht an Dr. Thomas Maiwald, nicht an den Hubschrauber. Vielleicht ist es auch besser so. Gruber weiß nur, dass er irgendwann vorher undefinierbare Schmerzen im Brustkorb hatte.

Nach langen Minuten gelingt es Dr. Maiwald mit einer Kombination aus mehrfachen Defibrillationen, kreislaufstabilisierenden Medikamenten und pausenloser Reanimation, Thomas Grubers Herz wieder zum Schlagen zu bringen.Das Bild des EKG-Geräts zeigt ihm eindeutig, dass ein schwerer Infarkt vorliegt.

Über die Integrierte Leitstelle Ansbach meldet Dr. Maiwald den immer noch äußerst kritischen Patienten im Klinikum Ansbach an. Noch während der Anfahrt wird in der dortigen Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin das Herzkatheterlabor hochgefahren. Thomas Gruber kommt nicht in den Schockraum der Zentralen Notaufnahme, sondern direkt zu den Kardiologen.

ZEIT IST JETZT DER ALLES ENTSCHEIDENDE FAKTOR.

Im Herzkatheterlabor wird ihm unter erheblichem Zeitdruck ein hauchdünner Draht über die Leiste bis in die Herzkranzgefäße eingeführt, um die Blockade in der Blutbahn zu lösen, die der Grund für den Infarkt ist. Dass Thomas Gruber diesen Tag ohne bleibende Schäden überlebt, ist zumindest bemerkenswert.

Sieben Monate später ist er zurück im Leben und bei der Arbeit. Bis zum 17. Juli 2025 rauchte er gut eine Schachtel am Tag. Seitdem hat er keine Zigarette mehr angerührt.

Lukas Grömer sieht Thomas Gruber manchmal, sie wohnen nicht weit auseinander. Er hat sich ihm nie zu erkennen gegeben. Das entspricht nicht seiner Art.

Dr. Thomas Maiwald erwähnt den Einsatz erst Monate später beiläufig in einem Gespräch. Und spricht dabei nicht über sich, sondern von jenem Polizisten, der ohne Zögern anpackte. Und Thomas Gruber das Leben rettete.

Polizeihauptmeister Grömer und Oberarzt Dr. Maiwald sind keine Selbstvermarkter.

SIE LEGEN EINFACH WERT AUFS MACHEN.

Weitere Informationen

Dr. Hansmartin Jetter
Chefarzt
Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin, Klinikum Ansbach

Dr. Wolfgang Hilpert
Chefarzt
Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Klinikum Ansbach

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